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Der Wille des Volkes

25. August 2017

 

Anlässlich der Diessenhofer Literaturrunde, die abwechslungsweise in der Gemeindebibliothek und im Studio des Tele D über die Bühne geht, wird am 29. September in der Bibliothek über folgende Bücher gesprochen: J.L Carr, »Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten«, Leo Perutz »Zwischen neun und neun« und Oliver Storz »Als wir Gangster waren«.

Storz, 1929 geboren, erlebte in einer süddeutschen Kleinstadt das Ende des Krieges als Sechzehnjähriger. Davon handelt auch sein postum veröffentlichtes Buch »Als wir Gangster waren«. Die Nazis haben eben kapituliert oder stehen kurz davor, während die Amis allmählich das öffentliche Leben bestimmen. Storz` Jahrgang hatte mit den Nazis wesenhaft nichts mehr zu tun, er und seine Kameraden gehörten nicht mehr dazu und waren auch, abgesehen von kurzen Einsätzen, nicht aktiv am Krieg beteiligt. Interessant und überraschend ist Storz` Aussage, der in seinen Büchern übrigens nie moralisch argumentiert oder pauschal verurteilt, dass die Zeit zwischen dem Ende des Krieges und dem Beginn einer neuen Ordnung die schönste in seinem Leben gewesen sei. Damit stellt er sich ebenso gegen die alte Ordnung wie auch gegen die neue, die im Wirtschaftswunder ihren Niederschlag findet.

 

Was eine Einheitspartei ist, weiss Storz ganz genau. Er hat es erlebt, hautnah; er hat die Opfer gesehen und auch jene, die sich durch die Partei nach oben haben tragen lassen.

Diese Erfahrung fehlt den meisten, die heute auch ganz genau zu wissen scheinen, wer die neuen Verfechter eines Einparteienstaates sind. Zu ihnen zählt neben anderen Charles Lewinsky. Zumindest warnt er in seinem neuen Buch »Der Wille des Volkes« vor eben jenen Verfechtern. Die Frage ist nur, ob er damit die Richtigen im Visier hat. Denn Einheitsparteien sind weniger auf Populisten zurückzuführen als vielmehr auf Ideologen. Populisten sind wie bellende Hunde. Jenen, die wirklich beissen, sieht man es hingegen nicht ohne weiteres an.

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Freiheit und Demokratie

17. März 2017

 

»Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden

Wer das sagt, ist Rosa Luxemburg.

Dieses Zitat gilt heute genauso wie vor hundert Jahren. Es müsste lediglich etwas aktualisiert werden: »Freiheit nur für die Anhänger der Massenkultur, nur für jene, die sich das Gut-sein-Wollen auf die Fahne geschrieben haben – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit.«

Warum dieser Vergleich? Am 17. März hätte der Philosoph und »Chefdenker« der »Alternative für Deutschland« Marc Jongen an der Veranstaltung »Die neue Avantgarde« im Zürcher Theaterhaus Gessnerallee sprechen sollen. Dazu kam es jedoch nicht, denn die Veranstaltung musste auf Druck vor allem deutscher Kulturschaffender abgesagt werden. In der Begründung heisst es, dass das Podium aufgrund der Hitze der Debatte – »in der Diffamierungen, persönliche Beleidigungen und Erpressung leider nicht gescheut wurden« – nicht stattfinden werde.

Aufführungsverbot, Sprechverbot, Denunziation, Berufsverbot – gerade die Kunst, respektive Künstler sollten dagegen aufbegehren. Demokratie und Meinungsfreit sind nicht teilbar – und genauso wenig ist es die Freiheit. Demokratie fordern und gleichzeitig antidemokratisch handeln, ist ein übler, ideologisch geprägter Zug. Oder, um nochmals mit Rosa Luxemburg zu sprechen: »Mir imponieren nur die Ratschläge und Grundsätze, die der Ratgebende selbst beherzigt.«

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Tod eines Journalisten

18. Januar 2017

 

Wenn man im deutschsprachigen Raum über Enthüllungsjournalismus spricht, denkt man in erster Linie an Günter Wallraff, der in den späten Siebzigerjahren mit der »Anti-Bild-Trilogie« grosses Aufsehen erregt hat.

Ein anderer Name, der nicht gern genannt wird, drängte in den vergangenen Jahren immer mehr in die Öffentlichkeit. Jener Udo Ulfkottes. Der ehemalige FAZ-Journalist warnte insbesondere vor der Islamisierung Europas und damit verbunden vor dem »Heiligen Krieg«, der zunehmend in den deutschen Grossstädten ausgetragen werde. Unermüdlich schrieb er Buch um Buch, sprach dabei von gekauften Journalisten und von der Asyl-Industrie. Die offizielle Welt hätte Ulfkotte gerne nicht ernst genommen; sie bezeichnete ihn als Verschwörungstheoretiker, schob ihn in die rechte Ecke ab und verschwieg seine Bücher. Aber Ulfkotte verschaffte sich gleichwohl Gehör, wurde sogar zum Bestseller-Autor.

Nun ist Udo Ulfkotte tot. Er erlag am 13. Januar 2017, kurz vor seinem 57. Geburtstag, einem Herzversagen.

 

Wer sich einer Ideologie hingibt, wird so lange von dieser getragen, wie sich diese in der Öffentlichkeit zu halten vermag. Wer aber gegen eine Ideologie anschreibt und dabei in die Dualität geht, lebt gefährlich. Er ist angreif- und verletzbar. Ulfkotte ging mit seinen Anliegen in die Dualität. Er wollte der Wahrheit zum Durchbruch verhelfen, und trat deshalb als Aktivist und auch als Pegida-Redner in Erscheinung. Möglicherweise ist ihm das zum Verhängnis geworden.

Wie es zum Herzinfarkt kam, wird wohl nie untersucht werden, genauso wie Frank Schirrmachers Tod nie untersucht wurde. Der FAZ-Mitherausgeber starb 2014 fünfundfünfzigjährig ebenfalls an einem Herzinfarkt. Zuvor schrieb er in einem Leitartikel unter dem Titel »Demokratie ist Ramsch« über die europäischen Eliten: »(…) Ein Kliniker könnte beschreiben, was das ist: eine Pathologie. Er könnte beschreiben, wie krank die kollektive Psyche ist, wie unwahr und selbsttäuschend die Größen- und Selbstbewusstseinsphantasien, die sie, auch mit Hilfe der Medien, entwickelt. Man kann es nicht anders als einen pathologischen Befund nennen.«

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Die grössere Hoffnung

18. November 2016

 

Während Bob Dylan den Nobel-Preis für Literatur zugesprochen erhält und eine ganze Welt um Leonhard Cohen trauert, gedenken wir Ilse Aichinger. Die österreichische Autorin starb am 11. November fünfundneunzigjährig in Wien.

Ilse Aichinger gilt als überragende Stimme in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Damit wird jedoch ihr Rang verkannt. Allein mit dem schmalen Erzählband »Der Gefesselte« schuf sie Prosastücke von bleibender Gültigkeit. Der Gefesselte ist dabei der moderne Mensch, der seiner Grenzen gewahr wird, die ihm Mass und Wegweiser sind.

Bekannt geworden ist Ilse Aichinger mit der »Spiegelgeschichte«, die ihr 1952 den Literaturpreis der Gruppe 47 eintrug. Das Stück handelt von einer jungen Frau, deren Lebensgeschichte rückwärts erzählt wird. 1987 erscheint das Lesebuch »Kleist, Moss, Fasane«, das einen Überblick über das Schaffen der Autorin gibt. Ein Thema, das alle Prosatexte, Gedanken, Szenen und Gedichte der Autorin streift oder gar durchdringt, ist der Abschied. »Alles ist Abschied«, sagt Ilse Aichinger ohne jede Wehmut und setzt dem gleich »Die grössere Hoffnung« entgegen: »Aber die Vögel beginnen ja auch zu singen, wenn es noch finster ist.«

In dem kurzen Text »Vor der langen Zeit« erinnert sich Ilse Aichinger daran, wie sie als Kind Weihnachten erlebt hat. »Es ist kurz nach drei Uhr nachmittags, am dreiundzwanzigsten Dezember. Und ich weiss in diesem Augenblick, dass jetzt Weihnachten ist, zu dieser Stunde, dass es jetzt schon ist, nicht morgen, und dass nichts sie überbieten wird.« Am Schluss dieser Erzählung dann die bedeutungsschweren Worte: »Wenn man den Schmerz ermisst, von dem ich überzeugt bin, dass er dieser und aller Freude dient, der Kindheit, dem Christfest, den ungetrösteten und ungestillten Schmerz aller Jahrtausende, so ermisst man die Schulden, die von jedem von uns abzutragen sind. Wenn es uns gelänge, und sei es auch nur durch die Hinnahme der Ernüchterung, der Angst und Verwirrung dieser Zeit: Vielleicht fiele dann noch einmal der heilige Abend auf den heiligen Abend, die Stimme des Engels auch für uns wieder in die heilige Nacht.«

Mit Ilse Aichinger ist eine grosse Hoffnung gestorben.

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Integration

8. Juli 2016

 

Der Europarat definierte einst Kultur sinngemäss als den lebendigen Umgang eines Volkes mit dessen gemeinsamer Geschichte, Sprache und Religion. Demnach träte Kultur und davon abgeleitet Identität im Mass in Erscheinung, in dem den genannten Grundpfeilern Rechnung getragen wird. In einer Gesellschaft, die keine gemeinsame Sprache, Geschichte und Religion hat, ist Kultur nur bedingt möglich; bestenfalls können Kulturen gepflegt werden, die jedoch unabhängig voneinander, sozusagen parallel existieren.

Vor diesem Hintergrund muss auch das Thema der Integration gesehen werden – es stellt sich nämlich die dringende Frage: Integration in was?

Migranten und Flüchtlinge haben in vielen Fällen nicht dieselbe Religion wie jenes Land, in das sie einwandern. Sie haben kaum je dieselbe Sprache und nie dieselbe Geschichte. Die einzige Variable in dieser Kette ist die Sprache – sie kann in einem gewissen Mass erlernt werden.

Das allein zeigt schon die Schwierigkeit von wirklicher Integration auf. Berücksichtigt man zudem, dass unsere westlichen Gesellschaften ihr Geschichtsbewusstsein weitgehend abgelegt, den Nihilismus anstelle der Religion gesetzt und die gemeinsame Sprache Worthülsen geopfert haben, so kann und muss sich in dieses System niemand integrieren. Gut gesehen haben das die türkischstämmige Autoren Nekla Celec und auch Akif Pirincci. Letzterer wurde von jenen, die »Kultur« entsprechend der obenstehenden Definition ablehnen, jüngst seiner Existenz beraubt, indem seine Bücher vom Markt verbannt und aus den Verzeichnissen gestrichen wurden.

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Das Wesen der Kunst

19. März 2016

 

Kunst hat die Aufgabe, das Wesenhafte der Dinge darzustellen, die Schicksalsgestalt herauszuheben und dadurch Welt zu erklären. Johann Sebastian Bach hat das getan, nicht aber Arnold Schönberg, Hieronymus Bosch, nicht aber Leonardo Da Vinci, Franz Kafka, nicht aber bestimmte Exponenten der Gruppe 47. Jene, die es nicht getan haben, haben ihren Umraum kalkuliert und dadurch einem Zweck gedient. Das oft mit grosser handwerklicher Fähigkeit und grossem Renommee.

Was gegenwärtig im Zürcher Theater am Neumarkt geschieht – Menschen zu verfluchen und indirekt zum Mord aufzurufen, ist billigste Propaganda und erinnert an eine Fatwa oder an Machenschaften, die in Deutschland schon einmal üblich waren. Um Immunität zu geniessen, werden solche Aktionen als Kunst verkauft. Es braucht immer einen Deckmantel um Verbrechen zu begehen, und oft nennt sich dieser Deckmantel Religion oder eben auch Kunst.

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Humanität

19. Februar 2016

 

»Das Zeitalter der Humanität ist das Zeitalter, in dem die Menschen rar geworden sind«, sagt Ernst Jünger, und es liesse sich ergänzen: Dafür explodiert die Weltbevölkerung.

In einer Zeit, in der Menschen rar geworden sind, wird das Menschliche und das dem Menschen Gemässe abhandenkommen. Grenzen werden missachtet und aufgehoben, Geschlechter werden egalisiert; der Einzelne wird lediglich als Konsument betrachtet, den es bis ins Kleinste zu lenken gilt. In solchen Zeiten wäre der Dichter gefragt. Der wahre Dichter, nicht der schreibende Vertreter des Humanitären. Hölderlin war einer der letzten Wahren – er ist letztlich an den Humanitären gescheitert.

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Kulturbereicherung

6. Oktober 2015

 

Was soll man in diesen Tagen der geistigen Finsternis und der neu aufkeimenden Ideologien lesen? Seit Hölderlin ist der Mythos aus der Literatur gewichen. Es gibt zwar noch stille Kämpfer, Mahner, Propheten, die in ihrem Land nichts gelten, wie etwa Ernst Jünger oder auch Botho Strauss (zuletzt mit seiner Glosse »Der letzte Deutsche«). Sie vermögen Fragmente des Verlorenen in die Gegenwart zu retten; sie erinnern an die verlorene Gestalt, sind gleichsam Lichter in einer zunehmenden Dunkelheit.

Nicht verdächtig sind hingegen die Märchen. Man lässt sie, seit sie die Psychologen inventarisiert und bewertet haben, gewähren. Wer sie jedoch unvoreingenommen liest, wird erfahren, wie reich und vielfältig das Leben sein könnte, und wie nah das Rettende ist, vor allem in Zeiten der Gefahren. In ihnen ist das wahre Kulturbereichernde, durch ihre Lektüre vermag man zu erkennen, was Identität sein könnte oder in Wirklichkeit ist.

Apropos: Der Roman »Morgenland« von Volker Mohr (Katalog) und ebeso dessen neuste Novelle »Die letzte Fahrt« thematisieren in eindrücklicher Weise das besagte Thema.

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Vom Fremden und dem Eigenen

23. September 2015

 

Wie äussern sich eigentlich die Literaten zur gegenwärtigen Flüchtlingskrise? Franz Hohler etwa hat ein Flüchtlingsmanifest verfasst, in dem er zur Grosszügigkeit aufruft: »Damit wir uns jetzt und später nicht zu schämen brauchen.« Und Adolf Muschg hat schon vor einiger Zeit festgestellt, dass unser Land herzlos sei im Umgang mit bedürftigen Ausländern.

Weniger der Moral als vielmehr der Ethik verpflichtet war der deutsche Autor Wolf Jobst Siedler, als er vor fast zwanzig Jahren in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schrieb: »Der Zeitgeist, der (…) die Aufnahme von jedermann aus Afrika und Asien erzwingen will, versteht nichts vom Fremden wie vom Eigenen.«

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Indirekte Zensur

27. August 2015

 

Der Autor hat ein Narr zu sein. Kein Hofnarr, denn dann wäre er nichts als ein Spassmacher, der vom Hof geduldet oder, bei unvorsichtigen Äusserungen, nicht mehr geduldet ist. Der Narr hingegen ist frei, bisweilen auch vogelfrei. Er ist niemandem Rechenschaft schuldig, ausser seinem eigenen Gewissen. Eine Gesellschaft, die der freien Meinungsäusserung verpflichtet ist, muss den Narren nicht nur zulassen, nein, sie muss ihn sogar pflegen. Denn wer sollte sonst die heiklen Themen pointiert ansprechen, wer sollte sonst mit dem Finger auf jene heiklen Punkte zeigen, die man so gerne verdeckt?

Der Kabarettist Andreas Thiel gehört zu den wenigen Narren in unserem Land. Dass gerade jene Kreise, die Glauben machen, sie seien auf der Seite der Narren, ihn neuerdings nicht mehr einladen, spricht Bände und lässt vermuten, dass die Meinungsfreiheit in diesen Kreisen dann an eine Grenze stösst, wenn sie der eigenen Meinung oder Ideologie nicht mehr entspricht.

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Zerstörte und unzerstörbare Welt

25. Juli 2015

 

Am 3. Oktober jährt sich der Todestag des Autors und Philosophen Max Picard zum fünfzigsten Mal. Aus diesem Anlass soll an sein, wie er selbst sagte, schönstes Buch, »Zerstörte und unzerstörbare Welt« erinnert werden. Picard beschreibt darin die Stationen einer Reise nach Venedig. Abes es handelt sich nicht um eine Reise im herkömmlichen Sinn, und auch die Beschreibungen erschöpfen sich nicht in der Wiedergabe des Gesehenen. Picard gelingt es vielmehr zu schauen. Damit wirft er einen Blick hinter die Dinge, macht Welten sichtbar, die dem modernen Reisenden verborgen bleiben.

Am 8. Augst 1949 erreicht Picard Mailand und er notiert: »Ich schaue vom Fenster eines Hauses hinab auf die Straße: rasch fahren die Autos, als fürchteten sie, daß die Fläche der Erde unter ihnen bräche. Ein Autocar trollt sich jetzt durch die Straße, wie ein Ichthyosaurus aus Metall. Was am Anfang der Zeiten organisch, mit Substanz gefüllt war, kehrt an ihrem Ende mechanisch, leer wieder …«

Als Picard in Florenz die Uffizien besucht, schreibt er: »Nirgends werden die Menschen heute so demütig wie vor den Bildern, sie werden bescheiden, sie merken, daß sie den Bildern das nicht geben können, was sie fordern: eine innere Welt im Menschen, in der die Bilder sein können. Nur in der inneren Welt des Menschen erfährt ein Ding den Zusammenhang, in den es gehört …«

Wer wie Picard empfindet, würde heute keine Reisen mehr unternehmen. Es bleiben nur die inneren Reisen, bei denen eine gute Lektüre eine treue Begleiterin sein kann. »Zerstörte und unzerstörbare Welt« ist eine solche Begleiterin.

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Autorschaft und Politik

23. Juni 2015

 

Der kürzlich verstorbene Günter Grass machte oft mit politischen Statements auf sich aufmerksam. Dasselbe galt auch für Heinrich Böll und in der Schweiz für Max Frisch und Niklaus Meienberg. Heute ist es hierzulande vor allem Adolf Muschg, der sich über bestimmte Abstimmungsresultate ärgert und sich dabei als moralische Instanz betrachtet.

Darf oder soll sich der Autor in das politische Geschehen einmischen? Oder ist nicht vielmehr zu befürchten, dass er dadurch sein literarisches Werk kompromittiert? Und gilt ein Interview, in dem auf politische Fragen mit politischen Argumenten geantwortet wird, bereits als Einmischung in »fremde Händel«? Der Schweizer Autor Thomas Hürlimann hat sich in einem Interview kürzlich über die Schweiz und die EU geäussert. Und er hat sich dabei die Freiheit genommen, sich gegen die Ansicht der meisten Autoren zu stellen. So sagte er über die EU:

»Was mich an der EU am meisten stört, ist, dass sie uns ein neues Menschenbild verpassen will. Das Abendland hat das Individuum hervorgebracht. In-dividuum heisst ungeteilt. Der Einzelne empfindet sich als kleinste Einheit im grossen Ganzen von Kosmos und Geschichte. Nun stehen wir vor dem Atomschlag. Das Individuum soll gesprengt und aufgelöst werden. Deshalb der Hass auf alles Elitäre – es ist der Hass auf das Ich. Das neue Europa setzt dazu an, das Ich zu eliminieren, das heisst: Alles Spezielle, also das Geschlecht, der religiöse Glaube, die Hautfarbe oder ein über dem statistischen Durchschnittswert liegendes Körpergewicht hat zu verschwinden. Künftig ist nur noch eine graue Schablone der Toleranz zugelassen. Doch Vorsicht! Eine Toleranz, die sich für allgemeingültig erklärt, schlägt in ihr Gegenteil um. Wer auf diesen Widerspruch hinweist, riskiert heute seinen Ruf, später wohl sein Leben. Die Toleranz-Schablone wird die letzten Individuen gnadenlos jagen und ausmerzen.«

Auch zu Deutschland und dem Umstand, dass jener, der das Thema Ausländer berührt, sofort unter Faschismusverdacht gestellt wird, nimmt er pointiert Stellung. Das erfordert Mut. Und gerade der steht einem Autor gut an.

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Wenn wir wollen, dass etwas Bestand hat, sorgen wir für Schönheit, nicht für Effizienz

20. August 2014

 

Michel Klonovsky schreibt in seinem Nachwort zu den von ihm herausgegebenen Aphorismen des kolumbianischen Autors Nicolás Gómez Dávila: Es ist für alle geschrieben, die sich in dieser besten aller Welten fremd fühlen. Für alle, die die Nase voll haben, von Massenmedien und Massenveranstaltungen, von moderner Städteverschandelung und modernem Sprachgestammel, von Spassgesellschaft und Eventkultur, von Regietheater und Marketing, von Vergangenheitsanschwärzung und Blasphemie um jeden Preis, vom öffentlichen Titten- und Restseelenvorzeigen, von Plastikprodukten und Plastikweltbildern, von all dieser Pluto- , Porno-, Tacho- und Neokratie … 

Für all jene sind auch die Bücher geschrieben, die im Loco Verlag erschienen sind – und weiter erscheinen!

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Die Höhle des Zeus?

22. Juli 2014

 

»Wo denn das reale Vorbild für die Höhle des Zeus zu finden sei, fragte mich Reinold Hermanns, Redaktor von SWR2-Kultur, anlässlich seines Besuchs in Schaffhausen. Ich stutzte. Das Gebäude, in das sich die Protagonisten in der gleichnamigen Novellensammlung zurückziehen, soll real existieren? Und dazu noch in Schaffhausen? Ich hatte mir eher ein Backsteingebäude in einer anonymen Stadt vorgestellt. Aber zwischendurch – und da hatte Hermanns recht – habe ich immer wieder an das Schaffhauser Kornhaus gedacht. Nicht an das Haus der Wirtschaft, sondern an den Speicher auf dem Herrenacker, der lange Jahre mehr oder weniger leer stand. Die Wirkung von aussen ist nach wie vor dieselbe: Vom Herrenacker aus wirkt das Haus stattlich und doch zurückhaltend. Und wenn man in der Neustadt steht und dessen Rückseite betrachtet, ist es ein Haus unter vielen. Als Höhle des Zeus taugt es allemal – als jener verborgene Ort, an dem der oberste olympische Gott ungeachtet seiner Umwelt heranwuchs.«

Die Gespräche, die Reinold Hermanns und Volker Mohr im Haus zur Rose und beim Kornhaus miteinander führten, wurden übrigens am Samstag, den 26. Juli, um 18.50 Uhr in der Sendung »Lesezeichen« auf SWR2 ausgestrahlt und können via Homepage des Senders nachgehört werden.

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